Erfahrungsbericht von Nadine über ihren Freiwilligeneinsatz in Tchébébé
(September bis November 2010)

Zurück von meiner Afrikareise, beladen mit Erinnerungen und Impressionen, begann ich diesen Erfahrungsbericht zu schreiben. Ich sass vor meinem Computer und mir fehlten glatt die Worte. Ich stellte fest, dass dieser Bericht in keinster Weise zu fassen vermag, was ich wirklich erlebt hatte. Wieder einmal mehr ist mir bewusst geworden, wie klein doch unser Wortschatz ist und wie viel
grösser das, was wir an Erinnerungen und Gefühlen in uns tragen. Ich versuche mich kurz zu halten, denn als ich bei meiner Rückkehr den Bericht meiner Vorgängerinnen las, hatte ich das Gefühl meinen eigenen zu lesen, so viele Worte hätten aus meinem eigenen Mund stammen können.

Meine ersten Eindrücke

Noch nie verspürte ich eine so grosse Nervosität bei der Ankunft in einem noch unbekannten Land. Schon oft bin ich gereist, doch dieses Mal wusste ich, würde es anders werden. Afrika, eine Faszination, die ich seit meiner Kindheit in mir trug, würde nun Teil meiner Realität werden.

Schon bei meiner Ankunft bemerkte ich, dass dies eine ganz andere Welt war. Mein Gastvater Tchimaté erwartete mich gleich bei der Gepäcksausgabe, dort wo sich im Normalfall in europäischen Flughäfen nur Passagiere aufhalten. Die ersten beiden Tage, verbrachten wir dann mit samt seiner Familie in Lomé bei Verwandten. Selbstverständlich bekam ich dort ein eigenes Zimmer und wurde auch sogleich in die togolesische Esskultur eingeweiht. Zwei Becken wurden mir vorgesetzt, in welchen zuerst gründlich die Hände gewascht wurden, denn diese sollten später als Besteck dienen. Desweiteren assen Kinder und Frauen selten am selben Tisch, was für mich zu Beginn recht ungewohnt war, da ich dann oftmals alleine oder zusammen mit meinem Gastvater zu Tisch sass. Wie ich das bereits von anderen Reisen kannte, konnte ich in den ersten Tagen kaum was essen, da ich aufgrund der vielen Eindrücke und des Kulturschocks keinen Hunger verspürte. „Mais il faut manger quelque chose“ hörte ich dann meinen Gastvater immer wieder sagen, der sich rührend um mich sorgte, in der Angst ich könnte verhungern.

Neben dem fehlenden Appetit machte mir aber vor allem die tropische Hitze zu schaffen. In der Hauptstadt bei den Verwandten meiner Gastfamilie gab es ja zum Glück noch so etwas wie ein Ventilator. Doch in Tchébébé, dem Dorf in dem ich meinen Togoaufenthalt verbringen würde, gab es nicht einmal Strom. Die ersten Nächte oder gar Wochen verbrachte ich praktisch schlaflos, mich wälzend und mit dem Fächer wedelnd. Auch lernte ich den Regen zu lieben, denn sobald dieser in der Nacht einsetzte, begann die Temperatur langsam zu sinken und so schaffte ich es schlussendlich doch noch einzuschlafen, bevor der Hahn den Morgen ankündigte.

Ausserdem musste ich mich daran gewöhnen, dass so etwas wie Zeit in Togo nur bedingt existierte. Die Menschen orientieren sich, wie Tchimaté so oft sagte, an der Sonne. Falls diese noch nicht ihren höchsten Punkt erreicht hat, so ist es auch noch nicht Zeit. So warteten wir an meinem zweiten Tag glatte 1.5 Stunden bis der Bus endlich losfuhr. Anzufügen ist, dass wir keine Plätze im grossen,
bequemeren Bus mehr bekamen, dies obwohl wir eigentlich Plätze reserviert hatten. Stattdessen ratterten wir in einem kleinen, mit mindestens 20 Menschen vollgestopften und dem doppelten an Gepäck auf dem Dach festgebundenen Bus von Lomé nach Tchébébé. Da lernte ich auch die einzige geteerte Strasse in ganz Togo kennen, die von der Hauptstadt im Süden bis zur nördlichsten Stadt Togos führte. Die Regenzeit hatte grüssen lassen und viele Teilestrecken waren übersäht mit Schlaglöchern, die der Chauffeur mit kriminellen Ausweichmanövern versuchte zu umgehen. Als wir dann nach 5 Stunden Fahrt, völlig verschwitzt und müde in Tchébébé ankamen, machte sich der Kulturschock erst richtig bemerkbar. Tchébébé war genau so, wie ich mir als Kind Afrika immer vorgestellt hatte: Ziegen, Hühner und Geissen tollten um die runden, lehmfarbenen Hütten mit Strohdächern. Frauen befestigten ihre Babies mit den farbigen Tüchern (Pagnes) am Rücken und trugen alles Mögliche auf dem Kopf. Auf dem Weg zum Haus meiner Gastfamilie, fühlte ich mich ein bisschen wie die Hauptdarstellerin in einem Film. Erstens war ich sofort der Mittelpunkt des Geschehens und zweitens erschien mir die ganze Umgebung wie eine Kulisse und nicht wie die Wirklichkeit.

Die nächsten Tage und Wochen verbrachte ich wohl damit, mich an all das Neue und Unbekannte zu gewöhnen. Geduscht wurde mit
einem Eimer aus dem Regenwasserbrunnen in einer aus Palmblättern angefertigten Dusche, geschlafen auf einer Mattratze aus Stroh, als Toilette diente eine Latrine des Nachbarn und gegessen wurde vor allem das, was die Familie auf ihrem Feld anpflanzte, Fufu und Maisbrei mit einer undefinierbaren Sauce aus Blättern des Affenbrotbaumes. Die Familie kümmerte sich rührend um mich und gaben sich die grösste Mühe, damit ich mich wohlfühlte. In der Angewöhnungsphase waren das Schwierigste für mich nicht die ärmlichen
Umstände, dass es keine Dusche und keine Elektrizität gab, sondern dass ich wo immer ich mich aufhielt sofort die ganze Aufmerksamkeit auf mich zog. Ebenfalls fehlte mir eine Person, mit der ich mich hätte austauschen und mit der ich in meiner Freizeit hätte etwas unternehmen können. Es war für mich sehr schwierig und ungewohnt plötzlich nur noch mit Männern zu verkehren. Sowohl in der Schule als auch in meiner Freizeit hatte ich hauptsächlich mit Männern Kontakt, da die Frauen sich um Kinder und Haushalt kümmern müssen. Ausserdem erklärte mir mein Gastvater, dass Frauen nur mit Erlaubnis des Ehemanns mit fremden Leuten sprechen durften. So grüssten mich die Frauen zwar immer sehr höflich, es entstand aber selten ein längeres Gespräch. Dies führte dazu, dass ich mich in den ersten Wochen teilweise ziemlich einsam fühlte. Da es in meinem Dorf auch keine Elektrizität gab, war der Kontakt zu meiner Familie und meinen Freunden ziemlich eingeschränkt.

Glücklicherweise lernte ich per Zufall in der Hälfte meines Aufenthalts drei Spanierinnen kennen, die im Nachbarsdorf (Bojondé) ebenfalls einen Volontariatseinsatz leisteten. Mit diesen unternahm ich dann jeweils am Wochenende etwas, sei es dass wir einen Ausflug in den Norden machten oder einfach um uns auszutauschen und zusammen zu kochen. Zur gleichen Zeit traf ich durch Zufall noch einen Belgier, der vor 2 Jahren einen Freiwilligeneinsatz in der Nähe von Sokodé absolvierte und danach eine Afrikanerin heiratete. Mit ihr ging er zurück nach Bruxelles und reiste nun mit ihr und seinen zwei Kindern nach Togo um all seine Freunde und Verwandte zu besuchen. Sofort bot er mir an, mich mit seiner Frau auszutauschen und sie luden mich ein bei ihnen in Sokodé zu übernachten. An diesem Wochenende lernte ich sehr interessante Leute kennen, wie beispielsweise einen Togolesen, der in Sokodé eine Bäckerei eröffnete, nachdem er 10 Jahre in Deutschland als Bäcker gearbeitet hatte. Auch machten sie mich mit Leuten aus der Organisation ADESCO bekannt, die mich zugleich zu einem Aidspräventionsanlass einluden und mir ihre Arbeit vorstellten. All diese Begegnungen waren für mich sehr wichtig, weshalb ich auch allen zukünftigen Volontären anrate, nicht alleine nach Tchébébé zu reisen. Wenn man von einem Tag auf den anderen mit völlig anderen Lebensumständen auskommen muss, ist es wichtig, jemanden zu haben, der das Selbe erlebt und mit dem man sich austauschen kann.

Meine Arbeit in der Schule

Als erste Volontärin in Tchébébé, war mein Aufgabenbereich in der Schule noch nicht so genau definiert. Alles was ich wusste, war, dass ich sowohl in einer Grundschule als auch auf dem Gymnasium tätig sein würde.„Tu vas y aller et on va voir“ (Du wirst hingehen und dann werden wir sehen), so ungefähr hiess es zu Beginn. In meiner ersten Woche fand noch keine Schule statt, weshalb Tchimaté mich einfach mal allen zuständigen Personen vorstellte. So lernte ich den überaus motivierten Englischlehrer Monsieur Assinda kennen, der nur so von Ideen sprühte. Er hat mir von Anfang an versichert, dass der Englischklub mit meiner Hilfe dieses Jahr anders sein würde. Da erfuhr ich auch, dass ich für den Englisch und Deutschklub verantwortlich sein würde. Was und wie ich dort
arbeitete, war mir überlassen. Da, wie ich schnell einmal bemerkte, die meisten Lehrer dort kaum Unterlagen oder Lehrmittel besassen, musste auch ich auf mein Erfahrungsrepertoire zurückgreifen. So spielte ich mit den Schülern Spiele auf Englisch oder Deutsch, sang einfache Kinderlieder, oder schrieb ein kurzes Theaterstück, dass sie umsetzten mussten. Da der Englisch- sowie der
Deutschklub zu den Freifächern gehörte, kamen hauptsächlich motivierte Schüler und die Arbeit mit diesen Kindern bereitete mir viel Freude. Selbstverständlich kamen viele von Ihnen wahrscheinlich auch meinetwegen, denn wer sonst wurde jemals zuvor von einer weissen Frau unterrichtet. Neben dem Deutsch- und Englischklub assistierte ich im Gymnasium noch 4 Englisch und 4 Deutschstunden. Diese Stunden waren sehr spannend, da ich zu diversen Themen einen Vergleich zu Europa oder eben der Schweiz machen konnte. In diesen Lektionen wurde mir immer wieder klar, wie fest diese Menschen in ihren Kulturen festhängen und sich ein Leben fernab von ihrem gar nicht vorstellen können; wie auch, wenn man weder über die Medien noch über einen direkten
Austausch den Zugang zu fremden Kulturen hat. So lachten in etwa hundert Studentinnen und Studenten als ich ihnen erzählte, dass ich als 24-jährige Frau noch nicht verheiratet bin und keine Kinder habe. Dies ist auch ein Grund, weshalb man auf dieser Schulstufe praktisch keine Mädchen oder Frauen mehr antrifft. Viele Frauen bekommen mit etwa 15 Jahren ihr erstes Kind und kümmern sich danach um ihre Kinder und den Haushalt. Frauen die studieren oder einen Beruf ausüben sind dort eine Rarität.

In der Primarschule arbeitete ich zusammen mit Monsieur Boyoda, dem Lehrer der CM2. In der ersten Woche habe ich hauptsächlich zugeschaut, wobei mir da als praktizierende Lehrerin schnell einmal sehr langweilig wurde. Auch sah ich keinen Sinn dahinter einfach zuzuschauen, ich wollte aktiv werden. Deshalb schlug ich ihm vor, einzelne Stunden vorzubereiten und zu übernehmen. Da die Lehrer in Togo keine Ausbildung absolvieren müssen, bringen sie in vielen Fächern gar nicht das nötige didaktische Wissen mit. Dazu kommt das Fehlen von Lehrmitteln und Materialien. Den Zeichenunterricht beispielsweise liess man aufgrund von fehlenden Ideen oder Kompetenzen einfach weg. So kam es, dass ich vor allem in den Fächern wie Musik, Sport und Kunst einzelne Sequenzen übernahm. Dies war für mich eine grosse Herausforderung, da ich mir von der Schweiz ganz andere Voraussetzungen gewohnt bin. Das einzige was ich in diesem Schulzimmer an Material vorfand, waren Kreide, Wandtafelzirkel, Massstab und Geodreieck. Einfache, weisse Blätter zum Zeichnen oder Malen gab es nicht, auch besassen nur wenige Kinder Farbstifte. Im Allgemeinen musste man sich als Lehrer auf die Wandtafel und Kreide als Hilfsmittel beschränken. So wurde die Hälfte des Unterrichts von der Wandtafel abgeschrieben. Anstatt ein Experiment mit Hilfe von Materialien durchzuführen, zeichnete der Lehrer das Experiment an die Tafel. Ich fragte mich nach dem Sinn und Zweck des Ganzen, denn wo bleibt da die echte Erfahrung und wie kann man von einem Kind erwarten, dass es dabei etwas lernt?

Oftmals war ich sehr frustriert, weil ich so viele Unterrichtsideen gehabt hätte, das Schulsystem eine andere Didaktik aber gar nicht zuliess. Auch machte es mich wütend, dass viele Schulen nicht einmal genügend Mobiliar besassen und sich die Kinder zu dritt auf einen engen Schulbank quetschen mussten. Aber anscheinend sind sich die Politiker dort noch nicht bewusst, welche Wichtigkeit
die Bildung auf die Entwicklung eines Landes hat. Auch hat man nicht begriffen, dass der Ursprung bei der Ausbildung des Lehrerpersonals liegt. Ich war schockiert, als ich feststellte, dass in der CM1 (5.Klasse) über die Hälfte der Kinder keinen Satz vorlesen konnten, sprich Analphabeten waren. Dies vermute ich, hängt einerseits mit den Klassengrössen und andererseits aber auch mit dem
fehlenden Know-how der Lehrpersonen zusammen. Ich glaube, dass genau in diesem Bereich in Zukunft Volontäre aktiv werden könnten. Ich selbst habe dies zu spät realisiert als dass ich noch etwas davon hätte umsetzten können, denke aber, dass dies ein Ansatzpunkt für zukünftige Freiwillige sein könnte. Der Ursprung allen Lernens liegt ja schliesslich im Lesen und Schreiben, wer das
nicht beherrscht, dem bleibt alles Wissen verborgen. Des Weiteren werden diese Schülerinnen und Schüler nicht zu eigenem Denken angeregt, sonder werden aufgrund des Schulsystems dazu gedrillt, abzuschreiben und auswendig zu lernen. Als Lehrerin aus einem wohl eher fortgeschrittenen Land ist es mir da teilweise schwer gefallen, diese Umstände einfach zu akzeptieren, vor allem wenn der Lehrer wieder einmal seinen Schlagstock hervorholte und die Kinder mit einem Schlag in die Hand bestrafte. Selbstverständlich bin ich mir bewusst, dass solche Umstände vor etwa 40 Jahren auch bei uns zum Schulalltag gehörten.

Neben den teilweise eher schwierigen Umständen habe ich aber auch sehr schöne Momente an der Schule erlebt. So liessen sich diese Kinder mit einem einfachen Lied begeistern und zeigten die grösste Freude, als ich mit ihnen einen Hut aus Zeitungen oder
einen Scherenschnitt bastelte. Mit den simpelsten Spielen brachte ich sie zum Lachen und was immer ich auch tat, ich spürte ihre Dankbarkeit. Aufgrund einer E-Mail an meine Verwandten und Bekannten, konnte ich sehr viel Geld sammeln, mit welchem Tchimaté und ich vor meiner Abreise die neuen Deutschhefter sowie andere fehlende Dokumente oder Materialien für die Primarschule anschaffen konnten. Als Dankeschön organisierten in der letzten Woche beide Schulen unabhängig voneinander ein Abschlussfest für mich. Von afrikanischen Tänzen, Gedichten und einem typisch togolesischen Essen bis hin zu einer Dankesrede fehlte gar nichts. Drei afrikanische Kleider bekam ich, damit ich sie auch nie vergessen würde und als „richtige“ Afrikanerin das Land verlassen konnte. Ich war wohl selten so gerührt über ein Geschenk und der Abschied machte mir sichtlich Mühe. So stand ich am 15.November mit meinem afrikanischen Kleid am Flughafen und verliess Togo traurig aber auch hoffnungsvoll.

Was kann ich von meinem Togoaufenthalt mitnehmen?

Mein Togoaufenthalt hat mich gelehrt mich in einer mir völlig fremden Kultur zurechtzufinden, mich an andere Umstände anzupassen, manchmal aber auch abzugrenzen ohne verletzend oder gar wertend zu sein. Ich habe viel über mich selbst gelernt, aber auch über eine Kultur, die ich bis anhin nur aus meiner Vorstellung kannte. Viele schöne Begegnungen und Erinnerungen nehme ich mit und das Wissen darüber, wenn auch nur bedingt, in einem kleinen afrikanischen Dorf etwas bewirkt zu haben und nun Teil einer afrikanischen Familie zu sein. Auf jeden Fall werde ich diese Zeit mein Leben lang nie vergessen und immer ein Stück Afrika in meinem Herzen tragen.