Erfahrungsbericht von Jula‐Marei Finger über ihren Freiwilligeneinsatz in Togo

 

Land und Einsatzort: Gehörlosenschule Atakpamé, Togo
Partnerinstitution: Cercle Humanitaire pour Enfants
Bericht von den ersten 3 Monaten ihres insgesamt einjährigen Aufenthalts


Nach meiner Ankunft in Lomé, der Hauptstadt Togos, war ich zunächst einmal etwas überwältigt und somit dankbar dafür, dass zwei Mitglieder unserer Organisation in Togo sich mir und meiner Mitfreiwilligen sofort annahmen. Sie begleiteten uns auch am nächsten Tag um Formalitäten zu erledigen, wie Geld tauschen und Handy kaufen und brachten uns nach Kpalimé, wo unsere Einführungswoche stattfand. Wir waren beim Chef der Organisation untergebracht, der uns sehr freundlich aufnahm und mit uns einige Formalitäten und Absprachen klärte. In der folgenden Woche hatten wir dann jeden Morgen Unterricht in Ewe, der Regionalsprache im Süden Togos und lernten immer mehr von Togo, seiner Bevölkerung und seiner Kultur kennen. In dieser Zeit stellte ich doch mit gewisser Erleichterung fest, dass ich keine großen Schwierigkeiten mit der Umstellung auf die Lebensumstände, Menschen und Kultur hier hatte und mich sehr bald wohl zu fühlen begann. Auch hatten sich meine Ohren dann an die französische Sprache hier gewöhnt, was mir den Kontakt zu den Menschen erleichterte.

Nach einer Woche wurde ich schließlich nach Atakpamé zu meiner Gastfamilie und meinem Einsatzplatz begleitet. Auch dort wurde ich in der Familie sehr freundlich aufgenommen und da die Schule schon nach zwei Tagen begann, fand ich rasch in einen Alltag hinein. Anfangs war der Umgang mit gehörlosen Kindern und der Gebärdensprache noch etwas ungewohnt, doch auch das legte sich und ich konnte schnell einige Grundlagen der Sprache, wie das Alphabet oder die Zahlen, im Unterricht mitlernen. Der Lehrer der Schule nahm mich sehr freundlich und hilfsbereit auf und erklärte und zeigte mir viel. Und auch die Kinder waren sehr eifrig bemüht, mich auf einen gewissen Standard in ihrer Sprache zu bringen, sodass wir, wie auch durch die Spielphasen, schnell Kontakt knüpfen konnten. Wenn ich dann nach einem Vormittag in der Schule nach Hause kam, so bemerkte ich oft mit Erstaunen, dass meine Gastgeschwister ja hören konnten und mich verstehen würden, wenn ich mit ihnen sprechen würde. Ich hatte das Gefühl, schon so auf die Gebärdensprache eingestellt zu sein, dass mir die Lautsprache besonders vorkam. Ich bemerkte auch, wie sich meine Gestik und Mimik in der Schule veränderte und ich immer besser mit den Kindern arbeiten konnte, da ich meine Lautsprache dort mehr und mehr vergaß.

Anfangs fiel es mir nicht so ganz leicht, wenn mir Kinder oder auch Erwachsene auf der Straße „Weiße“ o.ä. hinterherriefen und ich fand es oft anstrengend, durch die Stadt oder zur Schule zu gehen. Doch ich lernte damit umzugehen und empfand es nicht weiter als Beleidigung, sondern konnte sozusagen zurück„grüßen“. Allgemein bemerkte ich auch, dass ich mich immer mehr auf Togo einstellte und scheinbar völlig normal und selbstverständlich dort lebte.

Mir fiel schnell auf, dass die Familie hier eine sehr viel größere Rolle spielt, als ich das aus Deutschland kannte. Meine Gastfamilie nahm mich sehr herzlich und wie eine Tochter auf und behandelte mich auch tatsächlich so. Ich war stets eingeladen, mit ihnen Zeit zu verbringen und die Mahlzeiten aßen wir immer gemeinsam. Diese Zusammengehörigkeit empfand ich als eine sehr schöne Erfahrung und ich konnte gut verstehen, was mein Gastvater damit meinte, dass „die Familie hier der Reichtum sei“, weil man immer bereit war sich zu helfen und die Familie auch sehr groß war. Allgemein empfand ich eine sehr große Herzlichkeit und Offenheit unter den meisten Togoern, die ich traf.

Schwer fiel es mir aber ein wenig, mich in die Rolle der Frauen einzufinden und es fiel mir immer wieder der Unterschied zu unserem emanzipierten Rollenverständnis in Deutschland auf. Beispielsweise dann, wenn meine Gastmutter meinte, sie und ich würden bei ihrem Mann leben und nicht mit ihm. Oder wenn togoische Freunde meinen Gastvater um Erlaubnis fragen mussten, ob ich zu ihnen gehen dürfe. Trotz allem fühlte und fühle ich mich wohl und bin sehr froh, dieses Jahr hier verbringen zu können.